von Norbert Prinz

Befinden wir uns bereits im Kollaps? - Komplexität, Dilemmata und die Grenzen gesellschaftlicher Transformation.

Die Mehrheit der historischen Zivilisationen hat irgendwann einen tiefgreifenden Zusammenbruch ihrer politischen oder sozialen Ordnung erlebt. Der US-amerikanische Anthropologe, Historiker und Kollapsforscher Joseph Tainter sieht dafür vor allem die zunehmende Komplexität als eine zentrale Ursache. Gesellschaften werden immer komplexer, um Probleme zu lösen. Mit der Zeit bringt zusätzliche Komplexität jedoch immer weniger Nutzen, während ihre Kosten weiter steigen. Schocks oder Krisen können ein bereits überlastetes System dann zum Zusammenbruch bringen.

Der Kollapsforscher Jared Diamond macht vor allem Umweltschäden, die Übernutzung von Ressourcen und Klimaveränderungen als wichtige Ursachen für das Scheitern von Gesellschaften aus. Entscheidend ist dabei insbesondere, wie Gesellschaften auf diese Herausforderungen reagieren.

Der Mathematiker und Historiker Peter Turchin geht davon aus, dass Gesellschaften in Krisen geraten können, wenn soziale Spannungen, wachsende Ungleichheit und Elitekonkurrenz ein kritisches Niveau erreichen.

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive gelten unter anderem Vertrauensverlust in Institutionen (Robert Putnam), zunehmende soziale Ungleichheit (Richard Wilkinson und Kate Pickett), politische Polarisierung und der Verlust einer gemeinsamen Realität (Steven Levitsky und Daniel Ziblatt) sowie die Erosion sozialer Normen als mögliche Anzeichen gesellschaftlicher Instabilität.

Meiner Auffassung nach zeigt sich eine wichtige Folge solcher Kollapsdynamiken in der Zunahme von Dilemmata. Noch treffender erscheint mir hier der englische Begriff predicament. Er bezeichnet eine Zwangslage, in der jede Entscheidung erhebliche Nachteile mit sich bringt und klassische Lösungswege zunehmend versagen.

Ich vermute, dass solche predicaments insbesondere in fortgeschrittenen Krisenphasen entstehen, wenn Handlungsspielräume zunehmend eingeschränkt sind und jede Option neue Probleme hervorbringt.

Ein Beispiel aus der Klimaphysik ist der sogenannte Aerosol-Maskierungseffekt: Die Verbrennung fossiler Rohstoffe setzt nicht nur Treibhausgase, sondern auch kühlende Partikel (Aerosole) frei, die einen Teil der Erderwärmung vorübergehend abschwächen. Werden diese Emissionen reduziert, verschwindet diese kurzfristige Kühlwirkung – die bisher verdeckte Erwärmung wird stärker sichtbar. Daraus entsteht ein gesellschaftliches predicament: Der notwendige Ausstieg aus fossilen Energien kann kurzfristig zusätzliche Erwärmung sichtbar machen und den Druck auf bereits belastete Klimasysteme erhöhen, während er gleichzeitig unverzichtbar ist, um langfristig weitere Erwärmung und das Überschreiten kritischer Kipppunkte zu begrenzen.

Aus Tainters Überlegungen leite ich die Vermutung ab, dass mit zunehmender Komplexität die Fähigkeit eines Systems zur Anpassung abnehmen kann, weil Veränderungen immer aufwendiger und risikoreicher werden.

Pointierter formuliert: Ich habe den Eindruck, dass hochkomplexe Systeme nur noch begrenzt reformierbar sind. Jede tiefgreifende Veränderung greift in ein dichtes Netz gegenseitiger Abhängigkeiten ein und kann dadurch neue Instabilitäten erzeugen. Gleichzeitig bedeutet ein Festhalten am bestehenden System, die Zerstörung unserer natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen weiter zu erhöhen.

Ein gesellschaftlicher Kollaps zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre aus meiner Sicht kein wünschenswerter Übergang, sondern würde voraussichtlich enormes Leid verursachen. Dieses Leid stünde in keinem Verhältnis zu den Möglichkeiten, die sich daraus theoretisch eröffnen könnten. Unsere Gesellschaft ist nur unzureichend darauf vorbereitet, einen tiefgreifenden Zusammenbruch solidarisch und gerecht abzufedern oder gar bewusst zu gestalten.

Der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech und die Transformationsforscherin Maja Göpel betonen in unterschiedlichen Zusammenhängen einen ähnlichen Gedanken: Gesellschaften stehen vor der Wahl, ihren Wandel bewusst zu gestalten oder durch ökologische und ökonomische Krisen zu Veränderungen gezwungen zu werden.

Ob ein Übergang zu einer nachhaltigen sozial-ökologischen Gesellschaft noch rechtzeitig gelingt, ist nach meiner Einschätzung keine offene Frage mehr. Noch weniger wahrscheinlich erscheint es mir jedoch, dass ein gesellschaftlicher Zusammenbruch zu einer solchen Gesellschaft führen würde.

Mir ist in den letzten sieben Jahren der Beschäftigung mit Kollapsszenarien kein Mensch begegnet, der*die sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinandersetzt und sich dabei einen gesellschaftlichen Zusammenbruch „herbeiwünscht“. Vielmehr scheint eine wichtige Kompetenz dieser Menschen darin zu bestehen, diese predicaments und die damit verbundenen Dilemmata aushalten zu können, ohne dabei entweder in Erstarrung oder in blinden Aktionismus zu verfallen.

 

Literaturverzeichnis

Diamond, Jared (2005): Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed. New York: Viking.

Göpel, Maja (2020): Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Berlin: Ullstein.

Levitsky, Steven & Ziblatt, Daniel (2018): How Democracies Die. New York: Crown.

Meadows, Donella H. (2008): Thinking in Systems: A Primer. White River Junction: Chelsea Green.

Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.

Pickett, Kate & Wilkinson, Richard (2009): The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do Better. London: Allen Lane.

Putnam, Robert D. (2000): Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster.

Tainter, Joseph A. (1988): The Collapse of Complex Societies. Cambridge: Cambridge University Press.

Tainter, Joseph A. (1995): "Sustainability of Complex Societies." Futures, 27(4), 397–407.

Turchin, Peter (2006): War and Peace and War: The Rise and Fall of Empires. New York: Pi Press.

Turchin, Peter (2016): Ages of Discord: A Structural-Demographic Analysis of American History. Chaplin, CT: Beresta Books.

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