von Norbert Prinz
Warum die Polykrise die Psychotherapie zwingt, sich selbst zu hinterfragen.
Ich gehe davon aus, dass die größte emotionale Belastung im Zusammenhang mit der Polykrise nicht allein dadurch entsteht, dass wir uns Worst-Case-Szenarien und eine kollabierende Welt vorstellen und uns dadurch in einem prätraumatischen Stresszustand befinden. Sie entsteht vielmehr auch dadurch, dass unsere Wahrnehmung von unserem sozialen Umfeld und einem Großteil der Gesellschaft nicht anerkannt wird – möglicherweise auch deshalb, weil sich der gesellschaftliche Umgang mit der Polykrise zumindest teilweise als Ausdruck von Abwehr, Verdrängung oder Verleugnung verstehen lässt.
Menschen sind in hohem Maße soziale Wesen. Wir haben einerseits ein starkes Bedürfnis nach Autonomie, gleichzeitig aber auch ein ebenso starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Zugehörigkeit entsteht unter anderem dadurch, dass wir uns mit anderen vergleichen und unsere Wahrnehmungen bestätigt sehen. Wenn Menschen jedoch von einem Großteil der Gesellschaft als Untergangspropheten, Pessimisten oder Fatalisten bezeichnet werden, kann dies – sofern keine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung vorliegt – zu tiefer Verunsicherung und erheblichen Selbstzweifeln führen.
Sich ausgeschlossen zu fühlen, stellt daher per se eine erhebliche psychische Belastung dar.
Was kann nun aus psychotherapeutischer Sicht eine angemessene Antwort auf das reale Erleben von Ausgeschlossensein sein? In der Regel besteht unser Handwerkszeug darin, Ängste einer Realitätsprüfung zu unterziehen. Wir sind darin geschult, Menschen dabei zu unterstützen, unrealistische von realistischen Ängsten zu unterscheiden. Unrealistische Ängste haben ihren Ursprung häufig in vergangenen Erfahrungen. Unsere Aufgabe besteht dann darin, diese Ängste wieder ins Erleben zurückzuholen, sie zu bearbeiten und den zugrunde liegenden Konflikt abzuschließen. Der kleine Rest realistischer Ängste, der danach verbleibt, sollte von einer psychisch einigermaßen gesunden Person in der Regel gut ausgehalten werden können.
Was aber, wenn dieser vermeintlich kleine Rest gar nicht klein ist, sondern den Hauptteil des Leidens ausmacht? An diesem Punkt stößt Psychotherapie an ihre Grenzen.
Sind das schlechte Nachrichten für uns Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten? Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, lebt Psychotherapie in hohem Maße von der Individualisierung von Leid. Gleichzeitig gilt jedoch: Fast jedes Leid wird geringer, wenn es von anderen mitgetragen wird oder wenn wir die Rückmeldung erhalten, mit unseren Erfahrungen nicht allein zu sein. Der beste Ort dafür ist eine tragende Gemeinschaft – oder besser noch: eine Gesellschaft, in der diese Erfahrungen geteilt und anerkannt werden.
Psychotherapie ist in einer hochindividualisierten Gesellschaft daher zu einem erheblichen Teil ein Ersatz für genau diese Gemeinschaft.
Ein wichtiger Grundsatz psychotherapeutischer Ethik besteht darin, sich möglichst schnell überflüssig zu machen: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Im Hinblick auf existenzielle Themen gilt dies meines Erachtens sogar noch in weit höherem Maße als bei klassischen inneren Konflikten oder schweren psychischen Erkrankungen.
Wenn wir diese Überlegung ernst nehmen, müsste es zu unserem berufsethischen Auftrag gehören, den Aufbau tragfähiger Gemeinschaften aktiv zu fördern. Das wäre nicht nur ethisch angemessen, sondern könnte langfristig auch dazu beitragen, den Bedarf an Psychotherapie in bestimmten Bereichen zu verringern und unsere Rolle stärker als Brücke in soziale Zusammenhänge zu verstehen als als dauerhaften Ersatz für diese.
Bemerkenswerterweise habe ich über diesen möglichen berufsethischen Konflikt bislang weder etwas gelesen noch erlebt, dass er innerhalb der Profession ernsthaft diskutiert wird. Vielleicht liegt das daran, dass Psychotherapie traditionell den Fokus auf das Individuum richtet, während die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen psychischer Gesundheit vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält.
Ich höre allerdings immer wieder die Forderung, Psychotherapie müsse politischer werden. Nach meinem Eindruck bleibt jedoch häufig unklar, was damit eigentlich gemeint ist. Bedeutet es lediglich, sich öffentlich zu gesellschaftlichen Missständen zu äußern? Oder sind wir auch bereit, unsere eigene Profession kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls neu auszurichten?
Sind wir bereit, das System infrage zu stellen, von dem wir selbst in erheblichem Maße profitieren? Oder tragen wir – vielleicht ungewollt – stärker zur Stabilisierung des Status quo bei, als wir uns eingestehen möchten? Wenn Psychotherapie den Anspruch erhebt, menschliches Leid zu verstehen und zu lindern, sollte sie sich auch der Frage stellen, inwieweit sie gesellschaftliche Bedingungen von Leid nicht nur behandelt, sondern möglicherweise auch mitverwaltet.