Hintergrund

Am 6. Dezember 2020 erschien ein öffentlicher Brief, der bisher von über 500 Wissenschaftler*innen aus 30 Ländern unterzeichnet wurde. In diesem Brief werden die Entscheidungsträger*innen aufgefordert, sich offen mit dem Risiko einer Beeinträchtigung oder gar eines Zusammenbruchs unserer Gesellschaften aufgrund von Klima- und Umweltschäden auseinanderzusetzen. Diese Bilanz ziehen die Autor*innen aus der Tatsache, dass es uns fünf Jahre lang nicht gelungen ist, die Emissionen im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 zu reduzieren. Es gibt unterschiedliche Ansichten über den Ort, das Ausmaß, den Zeitpunkt, die Dauer und die Ursache von Beeinträchtigungen, aber traurigerweise gehört der gesellschaftliche Zusammenbruch bereits jetzt schon zur Erfahrung vieler Gemeinschaften im Globalen Süden. Sie stellen weiterhin fest, dass das Thema in den Medien nicht gut dokumentiert wird und in Diskursen in der Zivilgesellschaft und der Politik kaum auftaucht. Weiterhin sind sich die Wissenschaftler*innen einig darin, dass Bemühungen, die Diskussion über den Kollaps zu unterdrücken, die Möglichkeit einer Anpassung und Verringerung des Schadens für Klima, Natur und Gesellschaft behindern. Im letzten Abschnitt des offenen Briefes heißt es: „Wir haben erlebt, wie emotional herausfordernd es ist, den Schaden, der angerichtet wird, zu erkennen und die wachsende Bedrohung für unsere eigene Lebensweise wahrzunehmen. Wir kennen auch das große Gefühl der Gemeinschaft, das entstehen kann…. Es ist an der Zeit, uns gegenseitig zu schwierigen Gesprächen einzuladen, damit wir unsere Mitschuld am Schaden reduzieren und das Beste aus einer turbulenten Zukunft machen können….

Ich möchte diesem Aufruf folgen und mit meinen Angeboten Räume schaffen, die eine Auseinandersetzung mit diesem Thema unterstützen, beziehungsweise ermöglichen. Laut einer internationalen Studie, welche im Oktober 2019 durchgeführt wurde, stimmen 71% der Italiener, 65% der Franzosen, 56% der Briten, 52% der Amerikaner und 39% der Deutschen der Behauptung zu, dass die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, in den kommenden Jahren zusammenbrechen wird.

Bei der psychischen Auseinandersetzung mit den Folgen der Klimakrise sind wir mit allen psychischen Bewältigungsstrategien wie Verleugnung, Zorn, Verhandeln und Depression konfrontiert. Nach meiner Erfahrung ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema oft von starken Gefühlen der Überwältigung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis hin zu einem psychischen Schock verbunden. Die Psychiaterin Dr. Lise van Susteren weist deshalb zurecht darauf hin, dass eine psychische Traumatisierung nicht nur bei Menschen, die einem traumatischen Ereignis direkt ausgesetzt waren oder bei Berufsgruppen, die schwer traumatisierte Menschen behandeln (sekundären Traumatisierung) stattfinden kann. Vielmehr kann eine solche Traumatisierung auch in der Vorstellung einer zukünftigen Katastrophe (prä-traumatische Belastungsstörung), wie der Klimakatastrophe auftreten. In manchen Fällen ist der geschützte Raum einer Therapiesitzung sicher der geeignete Rahmen für die Verarbeitung. Da es sich bei der Klimakrise aber um ein kollektive Krise handelt, kann sie auch nur kollektiv gelöst und meiner Erfahrung nach auch nur kollektiv verarbeitet werden. Die meisten Aktivist*innen leiden weniger darunter, sich eine Katastrophe vorzustellen, als daran, dass ihre Sorgen und Befürchtungen in ihrem Umfeld nicht geteilt werden. Die Sozialwissenschaftlerin Kaira Jewel Lingo formuliert treffend: „Die Größe dessen, was vor uns liegt, kann nur in Gemeinschaft angemessen gehalten werden“. Gemeinschaften machen Mut sich dem eigenen Erleben zu öffnen, Gefühle der Macht- und Einflusslosigkeit zu überwinden und ermöglichen Solidaritätserfahrungen, die Isolation verhindern.

Die bewusste Auseinandersetzung mit den Folgen der Klimakrise sollte allerdings weder mit Resignation, noch mit einem Aufgeben verwechselt werden. Vielmehr können Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen und sogar Auslöser für emotionales und spirituelles Wachstum sein. In der Psychologie wird dies auch als posttraumatisches Wachstum bezeichnet.